In der Höhle des Löwen


Im Spätdienst, während meines Probearbeitens, lernte ich sie kennen, wurde vor ihr gewarnt, sollte vorsichtig sein, ihr Zimmer sei nicht so einfach zu betreten, es könnten mir auch Sachen entgegenfliegen. Doch ich dachte, so schlimm kann es nicht sein, das kenne ich aus meinem Privaten Leben schließlich zurückblickend auch.
Entsprechend unbefangen klopfte ich an ihre Zimmertür, wartete auf irgendeinem Tonfall, Hinweis, eintreten zu dürfen… es kam nichts.
Eine Kollegin sah mich mit dem Tablett vor der Tür stehen und meinte: „Wenn du ihr den Kaffee bringen willst, musst du einfach reingehen – aber vorsichtig, kann sein sie wirft dir etwas entgegen was im Zimmer gerade rumliegt, warte, ich mach dir mal die Tür auf!“ Währenddessen habe ich ein schnelles Gebet gesprochen, dass alles Gut geht, ich mit der Bewohnerin klar komme egal wie und auf welcher Weise. Die Kollegin klopfte aber nicht an die Tür, nein ohne Ankündigung riss sie die Tür schwungvoll, auf und trat sofort ins Zimmer hinein dort wollte sie mich gerade vorstellen als sie „Aua, du blöde Kuh, du hast ein Buch nach mir geworfen“, rief und ich nun meine Kollegin schimpfend weglaufend hörte.
Da die Tür nun offen stand, klopfte ich noch einmal vorsichtig, las vorher noch ihr Namensschild neben ihrer Zimmertür, sprach sie mit ihrem vollem Nachnamen und mit Frau davor an, fragte höflich, ob ich ihr den Kaffee ins Zimmer bringen dürfte und nachdem sie weder nein, noch ja gesagt hatte mir nur mit einer Handbewegung Richtung Tisch anzeigte, stellte ich das Tablett mit ihrem Kaffee und dem Kuchen auf ihrem Tisch ab. Ließ nebenbei meinen Blick durchs Zimmer huschen, suchte wie in meiner Hospizausbildung gelernt, nach einem Aufhänger, wie und womit kann ich mit ihr ins Gespräch kommen?!
Und so belanglos, sie sprach mich an, während meine Blicke noch suchten: „Kommst du wieder, kommst du noch mal wieder zu mir?“ Ich musste innerlich über die Warnungen meiner Kolleginnen lachen, keine Spur von Wurfgeschossen, hier saß eine sehr dünne Frau, mit Spuren des Lebens im Gesicht, die mich schlicht fragte, ob ich wieder komme. Diese Frage bejahte ich, sofern mir die Gelegenheit nochmals gegeben würde und erzählte ihr, dass ich am heutigen Nachmittag nur zur Probe anwesend bin.
Im Stationszimmer sah ich in fragende Gesichter und durfte mir anhören: „Die hat dich nicht beworfen, die hat dich hereinkommen lassen ohne wenn und aber…unglaublich, die lässt keinen an sich heran, ihre Tochter kommt sie zu duschen, das bekommt keiner von uns hin, wir müssen schon auf unsere Hände aufpassen, wenn wir nur ihren Kleiderschrank aufmachen wollen, die klemmt sie uns sonst ein!“
Forderte uns das Schicksal heraus oder wer oder was war das unbekannte?
Sollte es so sein? Die Tochter rief wenig später an, sie könnte nicht zum Duschen ihrer Mutter vorbei kommen, ob es nicht jemand von uns übernehmen könnte?! Auweia, niemand wollte in die Höhle des Löwen, niemand wollte die Frau duschen um nicht selber geduscht zu werden von ihr. Ich konnte mir das Geplänkel nicht mehr lange anhören,: „Papperlapapp, ich mache das, so schwer kann das nicht sein“. Wenig später ging ich also erneut in das Zimmer dieser besonderen Frau, löste mein Versprechen ein: „Wenn ich kann und darf, komme ich gerne zu Ihnen.“ und jetzt stand ich in ihrem Zimmer, hm, wie fange ich an? Schließlich kann ich sie nicht überrumpeln damit sie geduscht zu wird. Also erneut nach einem Aufhänger suchen diesmal Richtung Kleider…und das war gar nicht so schwer, Puppen saßen auf dem Sofa, auf den Schränken, ich dachte an meine, wie gerne ich früher deren Kleider gewechselt habe und so suchte ich nach dem Übergang zu ihrem Kleidungswechsel, ihrem Kleiderschrank – puh, gelungen. Wir holten gemeinsam ein paar Kleider heraus, machten mit einigen Modenschau indem ich ihr ein ums andere Kleidungsstück vor ihren Oberkörper hielt, sie dabei immer mit ihrem Nachnamen und per Sie, ansprach, wie schick sie mit diesem oder jenem Kleidungsstück aussah und nebenbei über lenkte Richtung duschen und neu anziehen, frisch sein, wenn die Tochter am späteren Abend zu Besuch kommt. – Perfekt, Gelungen- frisch geduscht, neu eingekleidet saß die Bewohnerin nun stolz auf ihrem Sofa, klar wurden auch bei ihren Puppen, die Haare noch frisch gekämmt.
Das dies nun kein Einzelfall bleiben sollte, nachdem ich eingestellt war, sei dahingestellt. Ich kam mit ihr zu jeder Tageszeit, gut zurecht.
Dann war der Neubau oder Anbau des Heimes fertig und die Bewohnerin wechselte dorthin, in den Demenzbereich – und ich wechselte mit, pendelte zwischen Alt- und Neubau durch alle Wohnbereiche, Stationen. Doch am liebsten war ich im Demenzbereich bei meinen großen kleinen Kindern in ihrer eigenen schönen Welt. Wir müssen nur mitgehen, sie begleiten, nichts kaputtreden.Nach ein paar Jahren unseres Miteinanders, wurde sie schwer Krank, ein Virus ging umher, machte auch vor unserem Wohnbereich keine Ausnahme. Nur sie wollte sich einfach nicht erholen, schwach war sie, mit einer Kollegin durchforstete ich Läden, womit wir ihr wohl eine Freude machen könnten, was auch anderen Bewohnern zugute kommen könnte. Irgendwann sah es so aus, sie erholt sich, doch ich hatte in der morgentlichen Pflege eine Reihe roter Punkte festgestellt, sie entsprechend schriftlich festgehalten.
Wenige Tage später, ich war im Spätdienst eingeteilt, gleich nach der Übergabe sprach mich die Pflegeleitung der Station an, ich sollte nochmal schauen, ob es die roten Punkte noch geben würde, eine Kollegin hatte ihr vom Frühdienst mitgeteilt, das diese nicht mehr vorhanden wären, und wir doch alle wissen, diese Bewohnerin lässt nicht jeden an sich heran und schon gar nicht duschen!
Hoppla, stimmt also bei der Abendpflege nachschauen, ich sah die Stellen sofort, sie sprangen mir quasi direkt ins Auge, nachdem ich nur ihren Pullover ausgezogen hatte, sofort griff ich zum Telefon, war alarmiert, bat sofort auch die Ärztin anzurufen, ich vermutete eine Gürtelrose.
Die Ärztin hat wohl mehr oder weniger alles stehen und liegen gelassen, so schnell wie sie vor Ort war und bestätigte meine Vermutung.
Einige Wochen vergingen, die Bewohnerin ließ das eincremen der Stellen zu, wollte aber nicht mehr essen. Per Trick, „wie gestalte ich schöne Teller zum Essen“, gelang es mir, dazu plünderte ich auch ganz gerne die Kühlhäuser der Küche, um mir schöne Zutaten zu besorgen… so gab es Wassermelonen Gesichter mit Ohren aus Salzstangen eine halbe Erdbeere als Nase etc.pp. so begann sie jedoch Freude am Essen zu bekommen und ohne es zu ahnen, wurden meine zurechtgemachten Teller nicht nur für diese Bewohnerin auch für andere, per Foto festgehalten und dem Chef zugespielt…bei der Weihnachtsfeier sah ich meine Teller auf der Leinwand wieder und durfte mir ein großes Lob abholen.
Doch eines Tages, es half nichts mehr, die Bewohnerin wurde schwächer und schwächer…war mehr oder weniger, bettlägerig geworden, nur noch ab und zu stand sie ziemlich wackelig in der Zimmertür lächelte uns alle im Wohnbereich an und freute sich, wieder zu Bett gebracht zu werden. Ein Kollege gab ihr nicht mehr viel Lebenszeit. Mein Urlaub stand bevor, er meinte, wenn ich zurück wäre, wäre sie wohl nicht mehr da.
Zwei Tage nachdem mein Urlaub angebrochen war, rief mich mein Kollege an; „Wenn du sie noch einmal lebend sehen willst komm schnell vorbei.“ Ich fuhr sie besuchen, natürlich saß ich am ihrem Bett, las ihr vor, lagerte sie mit einer Kollegin, blieb bis die Tochter kam mit der ich mich auch sehr gut verstand. Wir lachten miteinander, erzählten uns Geschichten und bald verabschiedete ich mich nachdem ich der Bewohnerin zum Abschied sagte: „Ich bin bald zurück, ich habe noch bis zum 30. Urlaub, dann bin ich wieder im Frühdienst und wir können wieder duschen, Modenschau oder sonst etwas machen, wenn sie möchten würde.“
Der Kollege schüttelte seinen Kopf, meinte: „Niemals, das schafft sie nicht!“ Doch unterschätze niemand diese Frau. Ich kam am 31. in den Frühdienst und quietschfidel wanderte die Bewohnerin über den Wohnbereich als ich ihn betrat. Oh wie freute ich mich, ihren Namen hatte ich während der Übergabe bereits gelesen von ihr gehört.
Doch nun, wir freuten uns beide und selbstverständlich durfte ich sie duschen, schick anziehen. Frühstücken, nein, essen und trinken war schlechter geworden auch meine Tricks halfen nun nicht mehr. Kurz vorm Mittagessen legte sie sich in ihr Bett, ihre Tochter kam zu Besuch, ich blieb trotz Schichtwechsel noch kurz, wir freuten uns gemeinsam sie so munter zu sehen auch wenn sie nun schlafen wollte. Gemeinsam brachten wir über ihrem Bett noch ein Fliegennetz an, damit sie ungestörter schlafen konnte. Meine Befürchtungen, das sie Probleme mit dem Netz bekommen könnte wischten wir nun erst einmal beiseite. Wenigstens ihre Mittagsstunde sollte sie ungestört schlafen… nicht ahnend das es die letzten gemeinsamen Stunden gewesen sind, ihre Tochter anschließend zu mir sagte: „Da musst du erst aus dem Urlaub zurück kommen damit meine Mama sterben kann!“
Wie bewegt war ich bei ihrer Beerdigung so viel aus dem Leben dieser besonderen Frau zu hören…ich bedankte mich im Gebet, sie kennengelernt zu haben, so viele schöne Stunden mit ihr verbringen zu dürfen und sie nun in den guten Händen unseres Herrn zu wissen.