Meine Sternstunde

Es war 2013, im Dezember. Ein Tag, an dem ich mich nicht ganz so wohl in meiner Haut fühlte.
Um noch ein bisschen raus zu kommen und frische Luft zu schnappen, liefen wir aus Sandhorst in Richtung Innenstadt und schlenderten Hand in Hand über den Auricher Weihnachtszauber.
Es war früher Abend, schon dunkel draußen. Die Innenstadt war voll mit Menschen. Wir hatten eigentlich nur noch wenige Meter vor uns, bevor der Weihnachtsmarkt zu Ende gewesen wäre und wir die Stadt wieder verlassen hätten.


In Höhe einer der Imbissbuden von Kanzler sah ich im Augenwinkel zwei Mädchen davorstehen, die genüsslich in ihre Wurst bissen. Daneben ihre Mütter. Die zwei Mädchen, ungefähr 9-10 Jahre alt, zeigten mit dem Finger auf uns und kicherten. In dem Moment sagte ich mir noch „Ach komm Melly, lauf einfach weiter, das sind ja nur zwei kleine Mädchen“; und als ich mich dann nach ein paar gelaufenen Metern noch einmal umdrehte, zeigten die Mütter der Mädchen mit dem Finger auf uns und trafen mich damit direkt ins Mark. Diese Mischung aus meinem ohnehin schon Unwohlsein und die auf uns gerichteten Finger ließen mich auf dem Absatz kehrtmachen und bei den Damen und ihren Töchtern vorstellig werden. Mit den Worten „Ja, wir sind lesbisch, und?“, blickte ich in 8 ungläubige und ein wenig erschrockene Augen. Mit einem „zur Rede gestellt werden“ hatten die Damen wohl nicht gerechnet.
Daraufhin zog man mich von der gutriechenden Würstchenbude weg und wir traten weiter den Heimweg an. Da war er nun – der für mich erste Moment auf dem Weg zu meiner Sternstunde.
Ich regte mich den gesamten Weg nach Hause – und auch noch in den folgenden 5 Tagen danach – darüber auf, dass es ja wohl nicht angehen könne, dass man in Ostfriesland der Meinung sei, es würde vielleicht nur ein homosexuelles Paar geben. Seit 1997 war ich geoutet, ging früher viel ins Dieling und ich wusste, dass so einige Schwule und Lesben in Aurich und Umgebung lebten. Ja, das wusste ich. Aber „wie die Affen im Zoo“ angesehen zu werden ließ mich zweifeln, ob das auch die anderen Menschen in Aurich wussten!? Und so beschloss ich noch auf dem Heimweg „locker flockig aus der Hüfte“, dass ich dies im nächsten Jahr ändern und einen Christopher Street Day (CSD) nach Aurich holen würde. Dies wurde mit den Worten „Jaja, das mach du man.“, schmunzelnd zur Kenntnis genommen.
Der Dezember 2013 neigte sich dem Ende und das neue Jahr brach an. Meine Gedanken ließen mich keinen Tag mehr los und nun musste ich den ersten Schritt gehen. Aber wohin? Bei wem würde ich vorstellig werden? Wer würde mir helfen können? An welchen Stellen war ich richtig? Würde man mich für verrückt halten?


Mein erster Gang führte mich zur Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Aurich. Dort brachte ich zunächst meine Idee an und hielt weiter an dem Gedanken fest, dass ICH einen Christopher Street Day (CSD) in Aurich organisieren würde! Sie lächelte mich ein wenig ungläubig an und sagte: „Frau Doden. Wie stellen Sie sich das denn vor? Und dann stehen Sie da nachher mit 20 Leuten?“ Und ich antwortete ihr: „Das ist mir egal. Und wenn ich da nachher mit 4 anderen Leuten auf der Straße stehe, die eine Regenbogenfahne hochhalten. So sind es doch 4 Leute mehr, als ich allein!“
Ich glaube, in dem Augenblick merkte sie, wie ernst es mir war und dass ich diesen Gedanken/diese Idee tatsächlich umsetzen wollte und so sagte sie mir ihre Unterstützung zu.
Es folgte ein Telefonat mit unserem Landtagsabgeordneten Wiard Siebels (der in der Schulzeit zwei Klassen über mir war), der meine Idee auch erstmal schmunzelnd zur Kenntnis nahm, mir dann aber auch seine Hilfe zusagte.
Mit diesem Rückenwind konnte ich „arbeiten“, doch nun musste meine Idee ja noch nach Draußen in die ostfriesische Welt.
Am Valentinstag 2014 erstellte ich eine Veranstaltung über Facebook: „CSD Aurich 2014 – Sehen und gesehen werden.“ Ich lud alle mit mir bei Facebook befreundeten Menschen und meine Familie ein, der Veranstaltung beizuwohnen und all ihre bekannten Menschen ebenfalls zu der Veranstaltung einzuladen. Ich glaube, das war der Moment, wo mich meine Familie und meine Freunde zum ersten Mal für vollkommen verrückt hielten!? Aber das war nicht schlimm, denn die Idee in meinem Kopf stand und es war mir in dem Augenblick nicht wichtig, ob man mich für größenwahnsinnig hielt. Ich wollte die Sichtbarkeit. Ich wollte die Normalität.
Es folgten nun etliche wichtige Gespräche, Telefonate, Emails, Treffen und WhatsApp- Nachrichten. Mit unserem damaligen Bürgermeister Heinz-Werner „Winni“ Windhorst, dem Landrat, dem Ordnungsamt, der Polizei, dem Stadtmarketing, dem Sozialministerium, DJs, möglichen Sponsoren und Unterstützern usw. usw. usw.!


Doch die wichtigsten Unterstützer sollte ich in meiner Familie und in ihren sowie meinen Freunden finden. Sie machten mir klar, dass was auch immer ich tun würde, sie „zu allen Schandtaten bereit“ seien und sie mich zu 100% auf meinem Weg begleiten würden.
Der Weg hin zum 30.08.2014. Dem 1. Christopher Street Day (CSD) Aurichs. Dem 1. CSD in Ostfriesland (denn bis dato gab es nur CSDs in Oldenburg, zu denen auch wir aus Aurich fuhren um sichtbar zu sein).
30.08.2014 – 1. CSD Aurich „Sehen und gesehen werden.“
MEINE STERNSTUNDE
Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie nervös ich war. Tausend Fragen rasten mir durch den Kopf, denn der Tag des 1. CSD Aurich war da. Habe ich an alles gedacht? Geht alles gut? Werden die Leute Spaß haben? Was sagen die restlichen Ostfriesen zu meiner Demo? Bringen wir unser Anliegen und unsere politischen Forderungen richtig rüber?


An diesem Tag wurden meine Brüder zu „WagenEngeln“, die für die Sicherheit während des Demonstrationszuges und der Veranstaltung sorgten. Mein Vater fungierte als PAPArazzi und machte Fotos, meine Schwägerinnen und meine Mutter schenkten Getränke aus und meine beste Freundin Heike war zu allem bereit und überall ein bisschen mit vertreten. Der Rest der Familie & Freunde agierte als Fans der 1. Stunde.
Während des 1. Christopher Street Days in Aurich, am 30. August 2014, wurde der Parkplatz gegenüber des Auricher Kinos von der damaligen Sozialministerin und Schirmherrin Cornelia Rundt zum „Karl-Heinrich-Ulrichs-Platz“ benannt, nachdem wir eine Petition gestartet hatten. Der 1. CSD Aurich war besucht von 800 (!) Menschen. Was für ein Erfolg! In Aurich! In
Ostfriesland! 800 Menschen, die der Sichtbarkeit von Homosexualität und Transidentität den Rücken stärkten!
Bis zum heutigen Tag (16.11.2023) folgten 7 weitere und somit insgesamt 8 CSDs in Aurich, an denen wir zwischen 500 und 1.200 Unterstützer der Community begrüßen durften.
Wir hatten und haben namhafte Schirmherren und Schirmfrauen wie Cornelia Rundt, Antje Niewisch-Lennartz, Annie Heger, Julia „Willie“ Hamburg, Heinz-Werner Windhorst, Johann Saathoff, Sandra Grau, Horst Feddermann (2024) und Olaf Meinen (2025).


Wir haben am 30.08.2014 die Benennung des „Karl-Heinrich-Ulrichs-Platzes“ und am 10.09.2022 das Aufstellen einer Gedenktafel zu Ehren Karl Heinrich Ulrichs bei genau diesem Platz erreicht. Wir haben im April 2015 einen Anlaufpunkt für jedermann (Ulrichs Café) und im Juni 2015 eine Jugendgruppe (Baumhaus) ins Leben gerufen um ganzjährig für die Community da zu sein. 2018 gründeten wir schließlich den Verein Ulrichs e.V..
Dem Beispiel des CSD Aurich folgen mittlerweile der CSD Wilhelmshaven (seit 2021), der CSD Leer (seit 2022) und der CSD Emden (seit 2023).


Am 24. Februar 2023 durfte ich, für mich völlig überraschend und umso überwältigender, in Hannover vom Queeren Netzwerk Niedersachsen (QNN) im Rahmen des 1. Queeren Neujahrsempfangs die „Goldmarie“, den queeren Preis für Fleiß, für meine jahrelange Community-Arbeit entgegennehmen.
Wahnsinnig wundervolle Menschen, Unterstützer, Künstler und Sponsoren begleiten mich auf diesem, meinem Weg, der für mich am 30.08.2025 mit dem 10. CSD Aurich und dem 200. Geburtstag von Karl Heinrich Ulrichs als „Jubiläumssause“ in dieser Form zu Ende gehen wird.
Ob jemand meinen Weg weitergehen wird? – Ich weiß es nicht!
Ob ich stolz bin? – JA, das bin ich!


Und wie sagte einst der Kabarettist & Theaterpädagoge Timo Becker? – „Der CSD Aurich ist ein gut funktionierendes Familienunternehmen!“


Eure Melly Doden